Nächster Halt: Nollendorfplatz im Regenbogenkiez

Aussteigen lohnt sich

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz bildet das Herzstück des bunten Regenbogenkiezes in rund 120 Jahren Berliner Geschichte. Unser Nolli ist mehr als nur ein Bahnhof: Er ist ein historischer Schmuckplatz, architektonisches Experimentierfeld, queerer Erinnerungsort, Partymeile und politisches Symbol zugleich... und ganz nebenbei der einzige Berliner U-Bahnhof, an dem alle vier Kleinprofillinien U1, U2, U3 und U4 halten. Wir nehmen euch mit auf eine kleine Zeitreise und zeigen, was diesen Ort so besonders macht.

Vom Blumenrondell zum Großstadtbahnhof

Bevor hier Züge ratterten, war der Nollendorfplatz ein klassischer Schmuckplatz. Angelegt wurde er 1880 nach Plänen des preußischen Generalgartendirektors Peter Josef Lenné mit Rasenfläche, Blumenbeeten und Bäumen. Seinen Namen verdankt der Platz der Schlacht bei Nollendorf im heutigen Tschechien, die im Kontext der Befreiungskriege gegen Napoleon stand. Auch die angrenzende Kleiststraße erinnert an diese Zeit: Friedrich von Kleist war der kommandierende General der preußischen Truppen.

Damals lag der Platz noch nicht im Herzen Berlins. Charlottenburg und Schöneberg waren eigenständige Gemeinden und der Nollendorfplatz befand sich genau dazwischen: Der südöstliche Teil gehörte zu Schöneberg, der nordwestliche zu Charlottenburg. Etwa 200 Meter nördlich verlief die damalige Berliner Stadtgrenze. Diese geteilten Zuständigkeiten sorgten immer wieder für Streit – etwa bei der Frage, an welcher Stelle die aus dem Osten kommende Hochbahn in den Untergrund abtauchen sollte. Viele Anwohnende protestierten gegen Lärm und schlechtere Lichtverhältnisse.

Der Nollendorfplatz 1921
Der Nollendorfplatz 1921.

1902 beginnt das U-Bahn-Zeitalter

Mit der Eröffnung des Hochbahnhofs am 11. März 1902 wurde der Nollendorfplatz Teil der ersten Berliner Hoch- und Untergrundbahn. Entworfen hatten den Bahnhof die Architekten Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein. Besonders markant war die Kuppel der Hochbahnstation, die dem Platz eine fast mondäne Wirkung gab. Wer heute nach oben blickt, sieht eine vereinfachte Rekonstruktion dieser historischen Kuppel – ein sichtbares Echo auf die Anfangsjahre der Berliner U-Bahn.

Doch beim Nollendorfplatz blieb es nie lange einfach. Zwischen 1908 und 1910 baute die damals selbstständige Stadt Schöneberg ihre eigene Untergrundbahn, die heutige U4. Später kam die sogenannte Entlastungsstrecke hinzu, heute Teil der U1 und U3. 1926 wurde der Bahnhof schließlich zu dem vielschichtigen Umsteigebau umgebaut, den wir im Kern noch heute kennen: oben die Hochbahn, darunter zwei unterirdische Ebenen. Für alle, die sich beim Umsteigen schon einmal gefragt haben, ob sie gerade in einem Bahnhof oder in einem kleinen unterirdischen Labyrinth stehen: Jetzt wisst ihr warum.

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz um 1930.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz um 1930.

Krieg, Mauer, Flohmarkt: Der Bahnhof erfindet sich neu

Der Zweite Weltkrieg hinterließ am Nollendorfplatz tiefe Spuren. Der Hochbahnhof wurde schwer beschädigt, die Kuppel zerstört und der Bahnhof später deutlich schlichter wieder aufgebaut. Auch die umliegenden Straßenzüge veränderten ihr Gesicht: Wo zuvor Gründerzeitbebauung und Schmuckplatzatmosphäre dominierten, prägten nach dem Krieg Verkehrsschneisen und Neubauten stärker das Bild.

Mit dem Mauerbau wurde auch die Hochbahnstrecke Richtung Osten unterbrochen. In den 1970er-Jahren war auf dem Hochbahnsteig zeitweise Schluss mit regulärem U-Bahn-Betrieb. Stattdessen zog ein Trödelmarkt ein. Ausrangierte U-Bahn-Wagen wurden zu Verkaufsflächen, und zwischen Nollendorfplatz und Bülowstraße pendelte sogar eine Straßenbahn auf der Hochbahntrasse.

Nach dem Fall der Mauer kehrte die U2 zurück. 1993 wurde die Verbindung wieder in Betrieb genommen, später erhielt der Hochbahnhof erneut eine Kuppel. Damit kehrte der Bahnhof wieder ein Stück zurück zu seinen historischen Wurzeln.

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1945.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1945.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1945 im Wiederaufbau.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1945 im Wiederaufbau.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1946 im Wiederaufbau.
Der U-Bahnhof Nollendorfplatz 1946 im Wiederaufbau.

Der Nolli als queerer Sehnsuchtsort

So wichtig die Verkehrsgeschichte ist: Die emotionale Strahlkraft des Nollendorfplatzes kommt heute vor allem aus seiner queeren Geschichte. Schon in den 1920er-Jahren war die Gegend rund um Motzstraße, Nollendorfstraße, Fuggerstraße und Eisenacher Straße ein Zentrum schwul-lesbischen und queeren Lebens in Berlin. In einer Zeit, in der viele Menschen andernorts Verfolgung, Ausgrenzung oder gesellschaftliche Ächtung erlebten, bot Schöneberg einen sicheren Ort für die queere Community.

Legendär war beispielsweise das „Eldorado“ an der Motzstraße, ein Travestie- und Tanzlokal, das weit über Berlin hinaus bekannt wurde. Hier trafen Berliner*innen, Künstler*innen, Tourist*innen und prominente Gäste aufeinander. Auch der Schriftsteller Christopher Isherwood, dessen Berlin-Erzählungen später zur Grundlage für das Musical und den Film „Cabaret“ bildeten, wohnte am Nollendorfplatz. Zuletzt sind Namen wie Marlene Dietrich und Claire Waldoff mit dem queeren Schöneberg der Weimarer Zeit verbunden. Der Kiez war für queere Menschen ein Versprechen: Hier darf ich sein.

Erinnern heißt sichtbar machen

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese offene Szene brutal. Queere Menschen wurden verfolgt, Lokale geschlossen und Existenzen zerstört. Nach 1945 kehrte das queere Leben nach Schöneberg zurück. Seit 1989 erinnert an der Südseite des U-Bahnhofs eine Gedenktafel an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Ihre Worte sind knapp und schwer: „Totgeschlagen – Totgeschwiegen“.

Auf dem Nollendorfplatz treffen also Berliner Stadtgeschichte, queere Emanzipationsgeschichte und Erinnerungskultur direkt aufeinander. Und genau das macht ihn so besonders.

Der Nollendorfplatz im Regenbogenkiez.
Der Nollendorfplatz im Regenbogenkiez.

Vom Szeneviertel zum Regenbogenkiez

Heute ist der Nollendorfkiez international als Regenbogenkiez bekannt. Bars, Cafés, queere Einrichtungen, Beratungsstellen, Clubs und Community-Orte prägen die Umgebung. Und jedes Jahr verwandelt das Lesbisch-Schwule Stadtfest die Straßen rund um den Nollendorfplatz in eine riesige Bühne für Vielfalt, Politik, Kultur und Feierlaune.

Der Regenbogen ist in diesem Kiez also nicht nur Deko. Im Dezember 2013 erstrahlte die Kuppel des U-Bahnhofs erstmals in Regenbogenfarben – zunächst als Aktion, dann als dauerhaftes Zeichen für Toleranz und Vielfalt. Damit wurde unser Bahnhof selbst Teil der Symbolik des Kiezes.

„Im Regenbogenkiez“: Ein Zusatz mit Bedeutung

Umso bedeutender ist also der Namenszusatz „im Regenbogenkiez“, der den U-Bahnhof künftig schmückt. Gerade in Zeiten, in denen queerfeindliche Gewalt und Hass weiterhin Realität sind, zählt jedes Zeichen im öffentlichen Raum. Der Nolli ist ein Ort der Vielfalt und Toleranz; und genau dies wird durch den Namenszusatz sichtbar gemacht.

Fazit: Mehr als nur ein U-Bahnhof

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz erzählt auf einen Blick, was Berlin ausmacht. Aus einem Schmuckplatz wurde ein Verkehrsknoten. Aus einem zerstörten Bahnhof wurde ein Denkmal. Aus einem Szeneviertel wurde ein international bekannter Regenbogenkiez. Und der U-Bahnhof Nollendorfplatz bleibt das Tor zu diesem besonderen Ort.

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